Den Kaufhof-Beschäftigten zur Erinnerung empfohlen: der Karstadt Trubel – Trouble mit „ehrbaren Kaufleuten“

Im deutschen Einzelhandel gibt es schon seit einigen Jahren einen massiven Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb, ausufernde Öffnungszeiten, Preiskriege und die Tendenz der Unternehmen, immer mehr Personal einzusparen.

Die zunehmende Tarifflucht im Einzelhandel, gepaart mit dem Missmanagement einzelner Unternehmensleitungen hat dazu beigetragen, dass nun auch der Warenhauskette Galeria Kaufhof die Zahlungsunfähigkeit droht.

Kaufhof versucht gegenüber der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di derzeit drastische Einschnitte bei Löhnen und Gehältern durchzusetzen. Ein neuer Tarifvertrag ist laut dem Konzern notwendig, um wettbewerbsfähig zu sein und die rund 21.500 Arbeitsplätze zu erhalten. Galeria Kaufhof war erst 2015 durch den börsennotierten Us-amerikanischen Handeslriesen HBC übernommen worden, kämpft aber seitdem mit schrumpfenden Umsätzen und Verlusten. Zuletzt hatte HBC in seinem Europa-Geschäft einen weiteren Umsatzrückgang um 3,4 Prozent verbuchen müssen.

Gleichzeitig schreitet die Konzentration im Einzelhandel voran und die Fusion von Karstadt und Kaufhof rückt näher, dabei wird voraussichtlich der Karstadt-Stammsitz in Essen wegfallen.

Die Beschäftigten von Kaufhof sollten sich noch einmal die Situation ihrer Kolleginnen und Kollegen bei Karstadt vor Jahren vor Augen führen, denn sie waren es, die durch den Lohn-, Urlaubsgeld- und Weihnachtsgeldverzicht, dem Sanierungstarifvertrag, den Fortführungstarifvertrag und die „Tarifpause“ den größten Beitrag zur Gesundung des Skandalkonzerns beigetragen haben.  Genau diese Beschäftigten müssen wieder einmal um ihre Arbeitsplätze fürchten, wenn Karstadt und Kaufhof fusionieren.

Dabei ist nun wieder die österreichische Signa-Gruppe des Immobilien-Investors René Benko, der übernahm die Karstadt Warenhaus GmbH mit ihren 83 Karstadt-Filialen. Wahrscheinlich wird er auch Kaufhof übernehmen, für einen Appel und ein Ei.

Im Oktober 2004 wurde bekannt, dass sich die Karstadt Warenhaus AG, aber auch der gesamte KarstadtQuelle-Konzern in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten befand. Karstadt kämpfte mit den Problemen, die damals der gesamte Einzelhandel hatte, aber am schlimmsten waren die hausgemachten Schwierigkeiten und die Managementfehler bzw. die beginnende Zockermentalität.

Anfang 2005 wurden die Lebensmittelabteilungen als eigene Karstadt-Feinkost GmbH ausgegründet, an der REWE mit 25 Prozent beteiligt ist.

Da die Talfahrt bei Karstadt nicht gestoppt werden konnte, wurden im Sommer 2005 die Handelskette „Runners Point“ und 51 „SinnLeffers“- Modehäuser verkauft, ebenso die 74 Karstadt-Filialen, die weniger als 8.000 qm² Verkaufsfläche auswiesen. Die Grundstücke und Gebäude der Warenhäuser von KarstadtQuelle gingen dann 2006 an das „Highstreet-Konsortium“ eine Holding mit 51 Prozent Anteil von „Goldmann Sachs, Whitehall“ und 49 Prozent KarstadtQuelle. Das „Highstreet-Konsortium“ arbeitete mit der besonderen Verbriefungsform „Commercial MBS (CMBS)“, abgesichert durch Immobilien. Während die normalen, längerfristigen Darlehen meistens feste Zinssätze und Beschränkungen auf vorzeitige Tilgungen haben, sind bei den „CMBS“ Anlagen kurzfristigere Darlehen normalerweise mit variablem Zinssatz und freier vorzeitiger Tilgung üblich. Weil hier dann die Hypothekenschuldner vorzeitig tilgen können, sind die Geldflüsse im Voraus nicht berechenbar und können nur grob taxiert werden. Für die zahlreichen und zersplitterten Investoren stellt diese vorzeitige Tilgung immer ein Risiko dar. 2008 verkaufte KarstadtQuelle seine 49 Prozent an ein anderes Konsortium (u.a. Deutsche Bank, Borletti Group, Generali-Gruppe, Pirelli).

Im gleichen Jahr wurden die Buchhandelsflächen in den Warenhäusern an die „Verlagsgruppe Weltbild/Hugendubel“ vermietet. Dieser einfache Vorgang wurde als „Shop-in-Shop Modell“ hochgejubelt. Als weitere Mieter der Verkaufsflächen kamen dann „WMF, DrogerieMüller und Rosenthal-Porzellan“ ins Spiel.

Im Frühjahr 2009 wollte die „Kaufhof AG“ aus dem „Metro-Konzern“ (dazu gehört u. a. Real, Saturn, Media Markt, Cash&Carry) von den 90 Karstadt-Warenhäusern 60 übernehmen. Dazu kam es nicht, da die Karstadt-Muttergesellschaft „Arcandor AG“ die Mieten an das „Highstreet-Konsortium“ nicht mehr bezahlen konnte und am 09.06.2009 die „Arcandor AG“ wegen Zahlungsunfähigkeit den Insolvenzantrag stellte. Damit begann das größte Insolvenzverfahren der Bundesrepublik Deutschland, bei dem allein der Insolvenzverwalter Karl- Heinz Görg 50 Millionen Euro Verwalterkosten erhalten haben soll. Görg legte dann im April 2010 den Insolvenzplan auf den Tisch, der den Verkauf der Karstadt-Warenhäuser als Ganzes und einen hohen Verzicht auf der Gläubigerseite vorsah. Auch sollte die Mieten gesenkt werden. Dies war aber wegen der zersplitterten Gläubigerstruktur bei dem „Highstreet-Konsortium“ äußerst schwierig durchzusetzen. Das Verfahren zog sich deshalb in die Länge. Ein unmögliches Verhalten, war es doch gerade die riskante Anlageform bei den Konsorten von „Highstreet“, die Karstadt ins Schlingern gebracht hatte.

Die Kommunen, in denen es Warenhäuser gab, wurden aufgefordert, auf die Gewerbesteuer zu verzichten. Dies geschah dann auch ohne großen Widerstand.

Nach einigem Hin und Her mit den 4 Kaufinteressenten erteilte der Gläubigerausschuss dann der „Berggruen Holding“ den Kaufzuschlag. Nicolas Berggruen wurde als Karstadt-Retter und Hoffnungsträger gefeiert. Auch die Mietsenkung bei der „Highstreet-Konsortium“ wurde erreicht.

Nicolas Berggruen kündigte an, dass Karstadt in eine Dachgesellschaft und drei weitere Untergesellschaften rechtlich aufgeteilt werden müsste, in die Sparten Sporthäuser, Premiumhäuser und sonstige Warenhäuser. Dies war seine Bedingung für die Übernahme von Karstadt.

Auf die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wurde nun großer Druck ausgeübt. Der Insolvenzverwalter drängte die Gewerkschaft, den Bedingungen Berggruens zuzustimmen oder er werde Karstadt liquidieren.

Die ver.di-Tarifkommission hat dann der Anpassung des Fortführungs-Tarifvertrages für den Fall einer Separierung zugestimmt, vorbehaltlich einiger wichtiger Bedingungen, die vertraglich festgehalten wurden:

– die Tarifverträge des Einzelhandels gelten weiter
– Beteiligungen können nur soweit erfolgen, wie die Mehrheitsanteile und Stimmrechte an bzw. bei der Karstadt Warenhaus Holding bleiben
– Gewinne dürfen nicht entnommen werden, sondern werden umgehend und vollständig reinvestiert

und die separierten Unternehmen bleiben als wirtschaftliche Einheit erhalten.

In dem Sanierungstarifvertrag verzichteten die Beschäftigten zur Rettung des Unternehmens auf rund 150 Millionen Euro bis Ende 2012.

Es wurde nicht nur ver.di zugesichert, sondern auch öffentlich wiederholt erklärt, dass die Separation nicht erfolge, um Teile zu verkaufen und dass es um ein langfristiges Engagement bei Karstadt im Ganzen gehe.

Im Mai 2013 stieg Karstadt aus der Tarifbindung aus und wechselte in die regionalen Arbeitgeberverbände ohne Tarifbindung. Man wollte eine „Tarifpause“ einlegen. Für die Mitarbeiter hieß das, dass die Gehaltserhöhungen bis 2015, die durch Tarifverträge vereinbart werden, entfielen.

Karstadt steckte in der Krise, die 86 Warenhäuser rutschten in die roten Zahlen, nur die 28 Karstadt-Sport-Filialen und die drei Luxus-Kaufhäuser in Berlin, Hamburg und München liefen gut. Mittlerweile hatten die Karstadt-Beschäftigten auf insgesamt 650 Millionen Euro verzichtet.

Im August, drei Monate nach dem Ausstieg aus der Tarifbindung, gab es aber bereits wieder “informelle Sondierungsgespräche” zwischen Karstadt und ver.di. Die erste Verhandlungsrunde Ende September blieb so, wie auch die zweite im Oktober, ergebnislos.

Im September 2013 wurde bekannt, dass Nicolas Berggruen die Premium- und Sporthäuser zu je 75,1 Prozent an die österreichische Signa Holding des Investors René Benko verkaufte. Mit den Einnahmen sollten die Karstadt-Warenhäuser modernisiert werden.

Im November 2013 durften die Beschäftigten darauf hoffen, in Zukunft wieder nach Tarif bezahlt zu werden. Karstadt und ver.di verständigten sich auf “wesentliche Bausteine eines gemeinsamen Zukunftssicherungstarifvertrags“. Der angestrebte Tarifvertrag sollte die Punkte Beschäftigungs- und Standortsicherung, aber auch die Rückkehr von Karstadt in die Tarifbindung regeln. Die Verhandlungen sollten dann im Januar 2014 weiter geführt werden.

Mitte Februar 2014 sprach ver.di noch von Fortschritten in den Verhandlungen mit Karstadt. Eine Woche später sagte Karstadt die geplanten Gespräche ab, da „ Management und Besitzer sich erst beraten möchten“. Anfang März wurde die 5. Verhandlungsrunde ohne Erfolg beendet.

Die Sanierungsbemühungen hatten in der Zwischenzeit nur bescheidene Erfolge erzielt. Nicolas Berggruen sagte gegenüber der Presse: „Die Häuser, die wir saniert haben, funktionieren nicht besser als die Häuser, die wir nicht saniert haben.“

Am 7. Juli 2014 teilte Karstadt mit, dass Eva-Lotta Sjöstedt ab sofort von ihrem Amt als Geschäftsführerin zurücktreten wird. Frau Sjöstedt selbst sagte ziemlich genervt: „Nach eingehender Prüfung, den Erfahrungen der letzten Monate und in genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmendaten muss ich nun jedoch feststellen, dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind“. Als Frau Sjöstedt Anfang des Jahres bei Karstadt begann, wurde sie als „Hoffnungsträgerin“ und „Retterin“ gefeiert – genau so, wie damals Nicolas Berggruen, als er nach der Insolvenz Karstadt übernahm.

Der Stern des einst gefeierten Milliardärs Berggruen ist stark gesunken. Mittlerweile kontrollierte er nur noch das kriselnde Kerngeschäft mit den verbliebenen 83 klassischen Warenhäusern. Die Mehrheit an den Luxus-Kaufhäusern um das Berliner KaDeWe und den Sport-Geschäften hat im vorigen Jahr der österreichische Investor René Benko übernommen.

Allein aus der Vermarktung der Namensrechte, die Berggruen sich vor 4 Jahren für 5 Millionen Euro sicherte, soll er monatlich von Karstadt etwa rund 1 Million Euro kassiert haben. So sind schnell aus den 5 Millionen, wahrscheinlich schon über 48 Millionen Euro geworden.

Mitte Juli 2014 wurde dann gemunkelt, dass in der Essener Hauptverwaltung und in der Belieferung Stellen wegfallen sollen. So wären aktuell zwischen 3.500 bis 4.000 der insgesamt noch verbliebenen 17.000 Stellen bei Karstadt gefährdet.

Im August 2014 war es dann so weit: Die österreichische Signa-Gruppe des Immobilien-Investors René Benko übernahm die Karstadt Warenhaus GmbH, also auch noch die 83 Karstadt-Filialen.

Wieder jammern alle Beteiligte herum, dass ein „klares Konzept“ fehlt und vergessen dabei, dass das Konzept ganz klar ist: möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit aus Karstadt heraus zu holen.

Nach den letzten veröffentlichen Zahlen betrug der Verlust im Geschäftsjahr 2011/2012 rund 158 Millionen Euro.

Man sollte nicht vergessen, in diesem Zockerspiel geht es um noch rund 17.000 Beschäftigte.

Und natürlich, da ist er wieder, der idiotische Begriff! Er taucht ja immer wieder auf: der „Ehrbare Kaufmann“, der bei Karstadt fehlen würde!

 

 




Quelle: ver.di, WDR, WAZ

Bild: schwäbische.de