Ein verlorenes Jahrzehnt für die Arbeitnehmer der Industrieländer

Von Norbert Häring

Trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit ist das weltweite Lohnwachstum so schwach wie seit zehn Jahren nicht mehr. Globalisierungskritiker erhalten damit neue Argumente. Die grassierende Unzufriedenheit mit den Regierungen scheint sich auch aus dieser Unwucht zu speisen.

Die Globalisierung ist in aller Munde. Dass globale Entwicklungen entscheidend für die Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen Ländern sind, ist fast eine Binsenweisheit geworden. Wenn allerdings die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), eine UN-Sonderorganisation, an der Arbeitgeber und Gewerkschaften mitwirken, einmal im Jahr analysiert, wie sich weltwirtschaftliche Entwicklungen auf Löhne und Gehälter auswirken, dann findet das nur wenig öffentlichen Widerhall. Dabei gehört zu den gängigen Erklärungsansätzen für das weltweite Erstarken autoritärer, globalisierungskritischer Parteien und Bewegungen die Unzufriedenheit großer Bevölkerungskreise mit dem, was die Globalisierung für sie bedeutet. So schrieb Desmond Lachman vom marktliberalen American Enterprise Institute schon ein halbes Jahr bevor Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde:

„Bis Politiker sich ernsthaft dem Problem der Lohnstagnation zuwenden, ist zu erwarten, dass der Aufstand gegen die Globalisierung weitergeht.“

Der „Globale Lohn-Bericht 2017 18″ der ILO liefert einige Indizien für diesen Zusammenhang. Die ILO stellt fest, dass das Lohnwachstum inflationsbereinigt 2017 mit 1,8 Prozent global so gering war, wie seit dem Krisenjahr 2008 nicht mehr. Nimmt man das bevölkerungsreiche China mit seiner stürmischen Wirtschaftsentwicklung heraus, sind es sogar nur 1,1 Prozent, nach 1,8 Prozent im Vorjahr. Betrachtet man schließlich nur die Industrieländer, die Teil der G20-Gruppe sind, so kommen magere 0,4 Prozent reales Lohnwachstum heraus. Hier gab es nach sieben Jahren von annähernder Reallohnstagnation nur zwei Jahre mit halbwegs anständigen Zunahmen, bevor es 2017 wieder Richtung null ging. Und das trotz kräftigen Wirtschaftswachstums und niedriger Arbeitslosigkeit.

In der EU ist die Arbeitslosigkeit so gering wie seit 2008 nicht mehr, in den USA hat sie sogar das niedrigste Niveau seit 50 Jahren erreicht. Und doch hat in praktisch keiner Weltregion das Lohnwachstum wieder die Dynamik von vor der Finanzkrise erreicht. Großbritannien und Italien sind die Schlusslichter unter den Industrieländern.  Hier liegen die Löhne kaufkraftbereinigt noch um etwa fünf Prozent niedriger als 2008. In Großbritannien hat die Bevölkerung den Austritt aus der EU beschlossen, in Italien hat sie zwei Parteien an die Regierung gebracht, die der EU und der Europäischen Währungsunion sehr kritisch gegenüberstehen. Der Chefvolkswirt der Bank von England bezeichnete die Jahre seit der Finanzkrise im Oktober als „verlorenes Jahrzehnt für die Arbeitnehmer“ und machte die Zunahme prekärer Beschäftigung, schwindenden Einfluss der Gewerkschaften und schwaches Produktivitätswachstum dafür verantwortlich.

In den USA, wo Donald Trump gewählt wurde, ist laut ILO das ungewöhnliche Phänomen am stärksten ausgeprägt, dass die Löhne trotz sinkender und sehr niedriger Arbeitslosigkeit nicht steigen; am zweitstärksten ausgeprägt sei es in Deutschland, wo die EU- und globalisierungskritische AfD einen sehr steilen politischen Aufstieg erlebt hat. Hinter dem schwachen Lohnwachstum steht auch gemäß der Analyse der ILO einerseits eine Abschwächung des Produktivitätswachstums, also der Zunahme der Produktion je Arbeitskraft, andererseits ein sinkender Anteil der Arbeitnehmer an den Produktivitätsgewinnen. Letzterer habe seit den Neunzigerjahren zu einer deutlichen Abnahme der Lohnquote geführt. Das heißt, der Anteil der Lohneinkommen am gesamten Einkommensstrom ist zugunsten der Kapitaleinkommen gesunken.

Bei der Ursachenanalyse beschränkt sich die ILO auf die Auflistung der in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur diskutierten Ansätze. Da ist zum einen die Möglichkeit, dass die offiziell gemessene Arbeitslosigkeit das Ausmaß der Unterbeschäftigung stärker untertreibt als früher. Gründe könnten sein, dass immer mehr Arbeitnehmer in Teilzeit oder mit variabler Arbeitszeit beschäftigt sind, oft unfreiwillig, und dass ein stark ausgeweiteter Niedriglohnsektor sowohl Arbeitslosigkeit als auch Löhne drückt. Viele der präsentierten Erklärungsansätze laufen auf eine Schwächung der Verhandlungsposition der Arbeitnehmer hinaus, etwa der Rückgang des Organisationsgrades und der Abdeckung durch Tarifverträge, die Zunahme des Wettbewerbs durch zuwandernde Arbeitskräfte oder durch Fabriken, die zu billigeren Arbeitskräften abwandern könnten. Aber auch Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Roboter zählt zu den Erklärungen.

Kräftige Lohnsteigerungen Asien

Den schlechten Nachrichten für die Arbeitnehmer in Industrieländern stehen gute für diejenigen in einigen bevölkerungsreichen Schwellenländern gegenüber, trotz der aktuellen leichten Schwäche auch dort. In China haben sich die Reallöhne in den letzten zehn Jahren verdoppelt. In Indien, Indonesien und der Türkei, um nur einige Beispiele zu nennen, haben sie immerhin um die Hälfte zugelegt.  Gegenüber den Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens ist das Wohlstandsgefälle also deutlich geringer geworden, wenn die Unterschiede auch immer noch groß sind.

Lateinamerika konnte dagegen nicht weiter aufholen. In Brasilien waren die Wohlstandsgewinne schwach, in Mexiko sanken die Reallöhne sogar. In Afrika, wo die ILO in diesem Bericht zum ersten Mal einen Lohnindex für eine größere Anzahl der wichtigeren Länder berechnet hat, sieht es momentan ganz düster aus. Hier schätzt die ILO 2017 einen Reallohnrückgang von drei Prozent, getrieben von sehr negativen Entwicklungen in den bevölkerungsreichen Ländern Nigeria und Ägypten und schwachen Zunahmen andernorts. Was die Bekämpfung der Fluchtursache Armut angeht, ist das ein Alarmzeichen.

 

 

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Bild: verdi.de