Vor 30 Jahren: Streiks für Einführung der 35-Stunden-Woche

35Seit dem vergangen Jahr hat die Gewerkschaftsbasis auf breiter Ebene angefangen, die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu diskutieren. Trotz zahlreicher Beschlüsse zur Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung tun sich die Repräsentanten der Einzelgewerkschaften mit der Kampagne immer noch schwer.

Sie sollten doch mal 30 Jahre zurück schauen und auf die damalige Mobilisierung der Kolleginnen und Kollegen achten. Davon kann man heute doch nur träumen.

Nachdem in den 1960er Jahren die 40-Stunden-Woche von den Gewerkschaften durchgesetzt wurde, war es um das Thema Arbeitszeitverkürzung erst einmal ruhig geworden. Aber Mitte der 1970er Jahre hatten die Gewerkschaften das Thema wieder auf dem Tisch. Angesichts der verschärften Rationalisierung und der Leistungsverdichtung sollte eine kürzere Arbeitszeit die steigenden Arbeitsbelastungen eingrenzen und zur Humanisierung der Arbeit beitragen. Zugleich sollte damit der Krise auf dem Arbeitsmarkt Mitte der 1970er Jahre durch die Sicherung von Beschäftigung und Schaffung neuer Arbeitsplätze etwas entgegen gesetzt werden. Auch standen erstmals die individuellen Interessen und gesellschaftlichen Bedürfnisse der Beschäftigten außerhalb der Erwerbsarbeit im Blickwinkel der Gewerkschaften.

Richtig laut wurde die gewerkschaftliche Diskussion um Arbeitszeitverkürzungen wieder erst mit dem Beginn einer erneuten Wirtschaftskrise in den Jahren 1982/83.

Als tarifpolitische Offensive zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit setzten die IG Metall, die IG Druck und Papier, die Gewerkschaft Holz und Kunststoff (GHK), die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV) und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) auf die Verkürzung der Wochenarbeitszeit.

Die IG Metall und die IG Druck und Papier machten 1984 dann ernst und streikten. Bei den Urabstimmungen hatten sich die Mitglieder beider Gewerkschaft mit jeweils über 80 Prozent für einen unbefristeten Streik entschieden.

Die Beschäftigten der Metallindustrie streikten sieben Wochen für die Einführung der 35-Stunden-Woche, die Kolleginnen und Kollegen in der Druckindustrie sogar 12 Wochen lang.

Damals standen drei Ziele standen im Mittelpunkt:

  • Arbeitsplätze sichern und neue schaffen
  • die Arbeitsbelastungen senken

und

die Arbeit menschlicher machen, eben „mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen haben“, so wie die Gewerkschaftsfrauen es nannten.

Allen Anfeindungen zum Trotz entstand aus dem Streik eine breite, solidarische Bewegung. Bei der IG Metall streikten über 57 000 und bei der IG Druck und Papierüber 46 000 Beschäftigte. Die Metallarbeitgeber sperrten über 155 000 Beschäftigte aus.

Ähnlich wie heute hetzte auch damals die main-stream-Presse massiv gegen die Streikenden. Es kam sogar zu tätigen Angriffen auf die Kolleginnen und Kollegen.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: am 28.06.1984 setzte die IG Metall und am 06.07.1984 die IG Druck und Papier im ersten Schritt eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 38,5 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich durch. Bei der IG Metall wurde die Wochenarbeitszeit nur im betrieblichen Durchschnitt, nicht also für den einzelnen Beschäftigten von 40 auf 38,5 Wochenstunden gesenkt, das war der Beginn der noch heute aktuellen Flexibilisierung der Arbeitszeit bei dieser Gewerkschaft. Bei der IG Druck und Papier galten die 38,5 Wochenstunden individuell für alle Beschäftigten.

Aber nicht nur das Endergebnis ist von großer Bedeutung, sondern es sind die Einsichten aus dem damaligen Arbeitskampf, dass

  • eine enorm hohe Mobilisierung der Mitglieder durch eine solche Kampagne möglich ist
  • gewerkschaftliches Handeln in die sozialen Bewegungen hinein wirken kann
  • die Auseinandersetzungen einen starken Einfluss auf das kulturelle Leben allgemein und der Gewerkschaftskultur im Besonderen haben
  • die Machtdemonstration starker Gewerkschaften die Gesellschaft insgesamt weiter bringt und Spielräume auch für Verteilungsfragen und politischer und wirtschaftlicher Mitbestimmung eröffnet werden
  • in nicht allen, aber in den Tarifverträgen der Stahl-, Metall-, Druck-, Holz- und Kunststoffindustrie die 35 Stunden-Woche festgeschrieben werden konnte
  • der Einstieg in die 35-Stunden-Woche die Voraussetzung für die weiteren Arbeitszeitverkürzungen ohne Streiks in der Metall- und Druckindustrie auf 35 Wochenstunden im Jahr 1995 war

und

dass Arbeitszeitverkürzung auch das Mittel zur Beschäftigungssicherung ist, jeder konnte dies in der Wirtschaftskrise 2008/2009 beobachten.

Die Repräsentanten der Einzelgewerkschaften tun sich bei der Kampagne für die Umsetzung einer Arbeitszeitverkürzung schwer. Sie argumentieren immer wieder, ohne Nachweise vorzutragen, dass die Beschäftigten keine Arbeitszeitverkürzung, sondern mehr Lohn haben wollen. Man muss sie mal fragen, warum denn das Entgelt nicht mit der Produktivitätsrate gestiegen ist und ihnen sagen, dass durch die Massenarbeitslosigkeit die Ware Arbeitskraft nicht knapp ist und deshalb die Beschäftigten für geringen Lohn in unsicheren Arbeitsverhältnissen arbeiten und sogar freiwillig Überstunden leisten.

Die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich muss gefordert und so schnell wie möglich umgesetzt werden, da

  • das reale Wirtschaftswachstum, das ja derzeit rückläufig ist, nicht ausreicht, um Arbeitsplätze zu sichern und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen
  • der nächste Rationalisierungsschub mit der selbstlernenden Fabrik (Stichworte Industrie 4.0, cyber-physisches System, Internet der Dinge) und dem Einsatz von intelligenten Geräten im Dienstleistungssektor schon eingeläutet wird
  • die hohen Kosten von über 60 Milliarden Euro für die Finanzierung der Arbeitslosigkeit eingespart werden können. Sie könnten dann sinnvoller verwendet werden, z.B. für den Infrastrukturbereich, bei der Bildung, im Umweltbereich und bei den öffentlichen Dienstleistungen
  • die Arbeitszeitverkürzung eine ganz wichtige Voraussetzung für gute Arbeit und für die Verringerung von Stress und Krankheit am Arbeitsplatz ist
  • Arbeitszeit verknappt werden muss, damit die Arbeitskraft wieder wertvoller wird und ohne eine Arbeitszeitverkürzung das Ziel der Vollbeschäftigung nicht erreicht werden kann
  • Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, als ein gesellschaftliches Disziplinierungselement, Lohndrückerei und prekären Arbeitsverhältnisse ein Ende bereitet wird
  • sie vorhandene Arbeitsplätze sicherer macht und gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit wirkt
  • sie ein Weg aus der Krise bedeuten kann
  • sie mehr Freiheit und Selbstbestimmung für den Einzelnen bietet
  • sie Raum für gesellschaftliches und kulturelles Engagement schafft
  • sie mehr Zeit für Familie, Bildung und Gesundheit gibt

und

sie sozial und ökologisch sinnvoll ist, weil sie Bedingungen dafür schafft, unter denen die immer knapper werdenden Ressourcen rational und nachhaltig eingesetzt werden können.

Erfreulich ist, dass es mittlerweile einen großen Diskussionsbedarf bzgl. der 30-Stunden-woche bei den Gewerkschaftsmitgliedern gibt.

Aber trotz zahlreicher Beschlüsse für die weitere Arbeitszeitverkürzung zeichnet sich ab, dass zur künftigen Strategie einiger Einzelgewerkschaften keine generelle Reduzierung der tariflichen Arbeitszeiten gehört. Die Flexibilisierung wird eher ihr zentrales Thema sein.

Aber das Gebot der Stunde ist die Umverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung. Eine deutliche Arbeitszeitverkürzung in großen, schnellen Schritten, bei vollem Lohn- und Personalausgleich.

Deswegen muss die Diskussion um die Umverteilung der Arbeitszeit in alle Winkel unserer Gesellschaft getragen werden, mit dem Ziel, daraus eine breite, solidarische Bewegung entstehen zu lassen.

Oder haben sich die Gewerkschaften schon mit der Massenarbeitslosigkeit abgefunden?

 

weitere Infos: https://gewerkschaftsforum-do.de/arbeitszeitverkuerzung-und-ausbau-der-oeffentlichen-beschaeftigung-4/

Quellen: IGM, labournet.de

Bild: youngtimer dykstra.de